Terminologien in FHIR: Ohne SNOMED/LOINC wird’s teuer – wie man Codesysteme beherrschbar macht

Von Friedhelm Matten · iscad-it

Wer von Dokumenten (CDA/PDF) Richtung FHIR-Ressourcen geht, merkt schnell: Die eigentliche Komplexität steckt nicht im JSON, sondern in der Semantik. Eine Observation ist erst dann interoperabel, wenn klar ist, was gemessen wurde, in welcher Einheit, mit welchem Code und wie dieser Code zu interpretieren ist.

Kernaussage
Genau hier wird es teuer, wenn Terminologien „später“ kommen.

Warum „ohne Terminologien“ in FHIR teuer wird

1) Kostenfalle „lokale Codes überall“

Ohne gemeinsame Codesysteme entstehen pro Schnittstelle individuelle Übersetzungen: Labor A ↔ KIS B ↔ Klinik C ↔ Forschung D. Jedes System baut eigene Mappings, die gepflegt, getestet und versioniert werden müssen. Der Aufwand skaliert nicht linear – er explodiert.

2) Interoperabilität wird zur Illusion

FHIR sorgt für Transport- und Strukturstandardisierung. Bedeutung kommt über Terminologien. Wenn jeder „HbA1c“ anders kodiert, ist das Ergebnis: technisch austauschbar, fachlich nicht vergleichbar.

3) Analytics, CDS und Sekundärnutzung scheitern zuerst

SNOMED CT und LOINC: Warum gerade diese beiden?

LOINC: Labor & klinische Beobachtungen (und mehr)

LOINC ist der de-facto Standard für Labor- und Beobachtungskennungen und wird von Regenstrief gepflegt. LOINC ist grundsätzlich kostenfrei nutzbar, aber unterliegt Nutzungsbedingungen. (Regenstrief Institute)

SNOMED CT: klinische Konzepte (Diagnosen, Befunde, Verfahren, Body Sites …)

SNOMED CT ist die umfassende klinische Terminologie. Für Deutschland wichtig: Deutschland ist seit 01.01.2021 Mitglied bei SNOMED International; das BfArM baut das nationale Release Center auf. Für Nutzende in Deutschland ist eine Affiliate-Lizenz/Sublicense über den MLDS zu beantragen und nach BfArM-Angaben kostenfrei. Es gibt eine deutsche National Edition/Extension (Übersetzungen, Deutschland-spezifische Inhalte, Subsets, Mappings). (BfArM)

Merksatz
LOINC hilft dir, welcher Test/Beobachtungstyp gemeint ist.
SNOMED CT hilft dir, welches klinische Konzept gemeint ist.

FHIR-Terminologie-Bausteine: CodeSystem, ValueSet, ConceptMap – und warum das nicht optional ist

CodeSystem

„Woher kommt der Code?“ – z. B. LOINC, SNOMED CT, UCUM, ICD, lokale Systeme.

ValueSet

„Welche Codes sind für diesen Zweck erlaubt/erwünscht?“ ValueSets sind die entscheidende Steuerungsinstanz für Interoperabilität: sie definieren den erlaubten Ausschnitt eines Codesystems.

ConceptMap

„Wie übersetze ich von System A nach System B?“ Wenn lokale Codes bleiben müssen, wird die ConceptMap zur Lebensversicherung – aber nur, wenn sie versioniert und gepflegt wird.

CodeSystem Quelle der Codes z.B. LOINC, SNOMED, UCUM ValueSet Erlaubte Auswahl „Welche Codes sind erlaubt?“ ConceptMap Übersetzung „Wie mappe ich A → B?“ Interoperabilität entsteht erst, wenn alle drei Bausteine zusammen sauber betrieben werden.
CodeSystem (Quelle) · ValueSet (erlaubter Ausschnitt) · ConceptMap (Übersetzung)
FHIR-Operationen (je nach Server-Fähigkeit)
ValueSet $expand, ValueSet $validate-code, CodeSystem $lookup, ConceptMap $translate

Der „teure“ Teil: Governance statt Technik

Anti-Pattern 1: „Wir nehmen erst mal lokale Codes“
Das endet fast immer in riesigen Mapping-Backlogs, inkonsistenten Übersetzungen und klinisch unklaren Daten.
Besser: lokal nur dort, wo es wirklich keinen Standard gibt – und dann sofort mit sauberer Übersetzungsstrategie.
Anti-Pattern 2: „ValueSets machen wir später“
Ohne ValueSets kannst du Konformität nicht prüfen. Dann wird jedes System „irgendwie kompatibel“, bis es im Betrieb kracht.
Anti-Pattern 3: „Mappings sind Excel“
Excel ist als Arbeitsmittel ok – aber nicht als Betriebsmodell. Mappings brauchen Ownership, Versionen, Tests, Freigaben und Distribution.

Beherrschbares Zielbild: 3 Ebenen, die zusammen funktionieren

Ebene 1: Kanonische Standards (wo immer möglich)

Ebene 2: ValueSet-Governance (der Interop-Hebel)

Ebene 3: Übersetzungen & lokale Realität (ConceptMap)

Wenn lokale Codes bleiben (und das kommt vor!), dann:

  1. Lokale Codes sind in einem eigenen CodeSystem sauber definiert
  2. Belastbare ConceptMap zu Standardterminologien
  3. Jede Übersetzung ist versioniert und testbar (Regression!)

Terminology Service: Ohne zentrale Instanz wird’s Wildwuchs

In größeren Umgebungen ist ein Terminology Service praktisch Pflicht:

Pragmatischer Satz
Wenn jedes System ValueSets selbst expandiert und Codes selbst pflegt, entstehen garantiert Unterschiede. Zentralisieren macht’s stabil.

Konkrete Praxis: So sieht „beherrschbar“ als Vorgehen aus

Schritt 1: Code-Strategie pro Ressource definieren

Beispiel „Labor“:

// Beispielbox: Labor-Observation (Ausschnitt)
Observation.code.coding.system = "http://loinc.org"
Observation.code.coding.code   = "4548-4"         // HbA1c (Beispiel)
Observation.valueQuantity.value = 6.8
Observation.valueQuantity.system= "http://unitsofmeasure.org"
Observation.valueQuantity.code  = "%"

Schritt 2: ValueSet-Minimum etablieren

Startet klein, aber verbindlich:

Schritt 3: Lizenz & Distribution sauber regeln (SNOMED CT)

Schritt 4: Mappings als Produkt behandeln

Schritt 5: Toolchain in CI/CD

Typische Stolpersteine (und wie man sie elegant umgeht)

1) „Display“-Texte werden zur Wahrheit
Display ist UI-Hilfe, nicht semantische Garantie. Die Wahrheit ist der Code + CodeSystem + Version.
2) Versionen werden ignoriert
Gerade bei SNOMED CT (und auch bei LOINC-Releases) ist die Version relevant. Ohne Versionsdisziplin wird Interpretation instabil.
3) „Postkoordination“ wird unkontrolliert
SNOMED CT kann komplexe Ausdrücke. Mächtig – aber nur beherrschbar, wenn Regeln und Tools dafür existieren.
4) ValueSet-Expansion ist nicht deterministisch „überall gleich“
Unterschiedliche Server/Versionen/Cache-Stände erzeugen Unterschiede. Deshalb: zentrale Expansion oder streng kontrollierte Releases.

Eine kurze Checkliste für Hersteller und Kliniken

Wenn ihr nur 10 Punkte mitnehmt, dann diese:

Fazit: Terminologien sind der Preis der Interoperabilität – aber auch ihr größter Hebel

FHIR macht Austausch modern und skalierbar. Aber ohne Terminologien bleibt es syntaktische Interoperabilität: Daten sehen gleich aus, bedeuten aber nicht das Gleiche.

LOINC und SNOMED CT sind dabei keine „nice to have“-Standards, sondern Kostenbremsen: weniger individuelle Übersetzungen, bessere Vergleichbarkeit, bessere Sekundärnutzung, bessere Skalierung.

Oder kurz
Wer Terminologien spart, zahlt später – in Mapping-Schulden, Datenbereinigung und Vertrauensverlust.

Quellen

  1. Regenstrief Institute: LOINC
  2. BfArM: SNOMED CT
  3. BfArM: National Edition / National Extension
  4. HL7 FHIR: Terminology Module
  5. HAPI FHIR: TerminologyCapabilities
  6. Medizininformatik-Initiative: National Release Center
  7. BfArM: Information about LOINC and RELMA
  8. BfArM: Application for a SNOMED CT affiliate licence